Freitag, 26. Mai 2017

Bindung

Es gibt nichts, worüber ich mir mehr Gedanken mache, als die Bindung meiner Tochter zu mir. Es sind nicht nur Gedanken, ich habe regelrecht Angst, dass sie sich nicht an mich Gebunden fühlt. Dass sie mich nicht mag.

Diese Angst hatte ich von Anfang an. Darum wollte ich alles richtig machen. Wenn ich schon nicht stille, dann muss ich in allen anderen Punkten, die eine sichere Bindung versprechen, mehr als alles geben.
Ich muss ihre Signale sofort erkennen. Ich darf sie nicht schreien lassen. Sie muss bei mir mit im Bett schlafen. Ich muss sie ganz viel tragen. So der Plan.

Und dann passierte es. Alle anderen Babys aus dem Delfi Kurs weinen, wenn die Mama mal auf Toilette geht, außer meinem. Sie guckt mich mit ihren großen Kulleraugen an, wenn ich sage, wohin ich gehe und dass ich gleich wieder da bin und dreht sich um und spielt weiter. Wenn ich wieder da bin, guckt sie kurz, was sich da bewegt, aber beeindruckt ist sie nicht. Von Freude keine Spur. Wenn der Papa abends von der Arbeit kommt, wird über beide Backen gestrahlt und mit den Armen gewedelt. Bei mir wird zumindest gelächelt. Allerdings bin ich auch nicht den ganzen Tag weg.
Habe ich etwas falsch gemacht? Oder ist es noch zu früh? Oder wird sie sowieso ein Papakind und ich bin nur Familienbeiwerk?

Ich fing an, über die Punkte nachzudenken. Habe ich immer auf ihre Signale richtig reagiert? Definitiv nicht. Noch heute, nach 8 Monaten, ist es für mich schwer zwischen Hunger und Müdigkeit zu unterscheiden. Langeweile erkenne ich auch selten, da sie sich recht gut selbst beschäftigen kann. Sie hängt dann meist Kopfüber in ihrer Spielekiste und kramt sich was raus. Oder halt alles. Sie schafft es auch, den Inhalt dann im Wohnzimmer zu verteilen, obwohl sie ja noch gar nicht krabbeln kann. Aber braucht sie mich zum spielen? Ich sitze mittlerweile gar nicht mehr so oft neben ihr auf der Decke. Eine zeitlang habe ich ja darauf gelebt. Erkenne ich also ihre Signale? Ich fühle mich nicht so. Ich würde sie gerne fragen, aber ihre Antwort wäre nur ein verwirrter Blick.

Schreien lassen habe ich sie auch. Genau 3 Mal. Ich musste den Raum verlassen, weil ich einfach nicht mehr konnte. War es das? Hat sie mir das übel genommen? Ja, ich habe sehr energisch gesagt, sie soll doch bitte endlich ruhig sein. Ich konnte nicht mehr. Das erste Mal war sie noch so klein. Sie hatte gerade getrunken und war eingeschlummert. Dann wurde sie wach und schrie und schrie. Kein Schuckeln, kein Tragen, nix half. Ich muss sie ablegen. Ich weinte, sie weinte und am Ende hatte sie einfach nur noch mehr Hunger. Mein kleines Baby hat damals Mengen getrunken, mit denen ich einfach nicht gerechnet hatte. Ein zweites Mal, ich erinnere mich nur dunkel. Kaum war der Papa da, war sie ruhig. Ich saß ich Bad und mir liefen die Tränen. Ich hatte wieder etwas falsch gemacht. Ein drittes Mal war es Müdigkeit. Sie weinte so bitterlich. Also wollte ich mit ihr raus, weil im Kinderwagen schlief sie immer ein. Aber soweit kam ich nicht. Es endete damit, dass ich mit ihr weinend im Flur saß, den Papa anrief und er sofort nach Hause kommen muss. Am Ende schlief sie auf meinem Arm ein und ich lies sie nicht mehr los. Es tat mir so furchtbar leid. Es ist mittlerweile natürlich einfacher. Sie schläft, wenn sie müde ist, zuverlässig in ihrer Nonomo oder im Kinderwagen.

Nachts schläft sie bei uns. Aber, und ich glaube, dass werde ich immer bedauern, es gab eine Zeit, da wurde ich ausquartiert. Zu recht. Ich habe die Tage nicht durchgestanden. Ich habe nachts nämlich gar nicht mehr geschlafen. Ich war immer vor meinem Baby wach und habe auf ihren Hunger gewartet und danach schlief ich auch erstmal nicht. Wenn ich überhaupt wieder schlief, dann war das kurz vor der nächsten Flasche. Somit hat der Papa in dieser Zeit beim Kind geschlafen und sich nachts um sie gekümmert. Das war noch letztes Jahr. Als sie noch ganz klein war. Da war ich nachts nicht bei ihr. Ich habe die Nächte geopfert, damit ich tagsüber fit bin. War das ein Fehler?

Und dann das Thema, was mich extrem beschäftigt. Tragen. Wie oft ich gelesen habe, dass viele ja NUR tragen. Gar keinen Kinderwagen haben. Und das das ja auch so wichtig für die Bindung ist. Ich fühlte mich wieder schlecht. Ich trage. Oh ja. Anfangs, aufgrund der Verletzungen noch nicht so viel, im Tuch. Dann mehr. Sie schlief eine Zeitlang auch nur dort ein. Das war im Dezember bzw auch noch im Januar. Dann stiegen wir um auf die Manduca. Ich hatte sie jeden Tag dort drin und habe mindestens mit ihr die Wohnung gesaugt, aber meist nich viel mehr. Meist schlief sie ein. Heute mag sie das gar nicht mehr. Hausputz ist langweilig. Es gab sogar eine kurze Zeit, da mochte sie gar nicht getragen werden. Das war richtig schlimm für mich. Mittlerweile geht es aber wieder gut, auch wenn es nicht mehr jeden Tag ist. Sie möchte zu Hause lieber spielen und wenn wir spazieren gehen, dann bin ich meist mit dem Kinderwagen unterwegs. Ist das falsch? Ich war vor kurzem bei einer Trageberatung und sie erzählte, dass sie ihren Sohn NUR getragen hat. Er hasste den Kinderwagen. Ich habe seitdem geguckt, wie viele km ich so mit dem Kinderwagen gehe. Es sind meist so 8-10. Der Rekord lag bei 12,5km. Könnte ich das Tragen? Das schlimme ist, wir wohnen an einem Berg. Das ist mit Kinderwagen schon eine Herausforderung. Aber wenn ich das Kind nun 2h-4h getragen hätte und dann den Berg hier hoch? Ich klappe schon beim Gedanken zusammen. Was ich nun aber mache, ich nehme die Trage mit. Wenn sie mal nicht im Kinderwagen einschläft, trage ich sie ein Stück, wenn sie mag. Ok, meist mache ich das momentan auf der Hüfte, da der kleine Knödel den Kinderwagen gerne schieben mag, aber immerhin. Zum Einkaufen fahren wir auch zusammen. Sie dann in der Trage. Zumindest bis sie dann irgendwann im Wagen sitzen wird. ABER war das zu wenig? Habe ich sie zu wenig getragen?

Jetzt versuche ich seit 10 Minuten eine Überleitung zum nächsten Thema zu finden, aber so richtig gelingt es mir nicht.

Mir geht es gerade nicht so gut. Ich erkenne, dass ich wirklich die schönste Zeit in meinem Leben habe. Ich habe vor 8 Monaten das süßeste Baby bekommen, was ich mir vorstellen konnte. Wir haben ganz viel gekuschelt und auf dem Sofa gelegen. Damals konnte ich das noch nicht richtig würdigen, denn ich wollte mein Baby doch der ganzen Welt zeigen. Ich wollte sie im Kinderwagen durch die Gegend juckeln und Tragen ohne Schmerzen. Aber durch die Geburtsverletzungen war ich zum Liegen gezwungen. Heute bin ich froh darum. Ich habe nicht gestillt, aber ich habe anfangs jede Flasche mit viel kuscheln und erzählen verbunden. Wir haben uns ganz tief in die Augen geschaut, bis sie dann schlief. Heute schaut sie mich meist gar nicht mehr an.

Selbst die Zeit in der ich nur gefangen unter schlafendem Kind war, empfinde ich heute als das Beste überhaupt. Damals war ich meist genervt, weil ich ständig hungrig war, nix zu trinken hatte oder aufs Klo musste. Zum Schluss war ich allerdings sehr wohl in der Lage mit schlafendem Kind auf dem Arm, die Toilette zu besuchen. Yeeeaaahh. Naja auch diese Zeit ist vorbei. Ich hätte mehr Bücher lesen sollen.
Sie schläft nicht mehr einfach so auf meinem Arm ein. Nach dieser Zeit kam aber die Zeit mit anderen Babys und anderen Mamas und MiniToffi ist so viel aktiver geworden. Sie liebt andere Kinder (also manche) und ich liebe es, sie dabei zu beobachten. Ich liebe die Zeit mit ihr. Es fühlt sich alles perfekt an. Aber es fühlt sich auch an, als ob die Zeit bald vorbei ist. Die MiniBaby Zeit haben wir längst hinter uns gelassen und es fehlt nicht mehr viel, dann ist auch die Babyzeit vorbei. Ich bekomme sie nicht wieder. Und niemals in meinem Leben hatte ich das Gefühl, als ob es das schlimmste ist, was passiert, wenn man älter wird. Wenn man weiter voran schreitet. Ich will einfach die Zeit anhalten.
Vielleicht denkt jetzt jemand, dann bekomm doch noch ein Baby. Aber so einfach ist das nicht. Mein MiniToffi wird dennoch größer.

Ich bin sicher, es wird noch mehr schöne Zeit kommen. Vielleicht sogar noch schöner, als jetzt. Aber ich kann es mir momentan noch nicht vorstellen und darum ist es momentan so schlimm.

Tja, das ist also so der Grund, warum es mir gerade nicht so gut geht. Es schwebt eine Traurigkeit über mir. Diese Traurigkeit lähmt mich jetzt nicht. Wir haben ganz tolle Tage und ich genieße jeden einzelnen Tag. Aber sie ist halt da und ich wünschte, sie wäre es nicht.


Kommentare:

  1. Liebe Toffi....so ein wunderbar ehrlicher Artikel. Ich kann dich so gut verstehen. Unsere kleinen Madamen sind ja fast gleich alt und mir geht es ganz ähnlich nur kommt noch die Angst hinzu den älteren Geschwistern zusätzlich nicht gerecht werden zu können und ich verdamme meinen Entschluss nach dem MuSchu direkt wieder arbeiten gegangen zu sein (wenn auch nur wenige Stunden).... Auch beim 3. Kind sitze ich immer wieder mal heulend mit oder ohne Baby auf der Couch weil alles zuviel ist und das ist auch gut so. Wir sind Mamas und keine Maschinen...... Du machst alles genau richtig. Deine Maus weiss genau, dass sie sich 100% auf dich verlassen kann und das du immer für sie da bist :-) Ich hoffe du fühlst dich bald wieder besser. Liebe Grüsse muehlchen

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  2. Es ist wahnsinnig schwer für mich zu antworten, gleichzeitig möchte ich aber auf keinen Fall diese Seite verlassen, ohne dich virtuell in den Arm genommen zu haben. Das also einmal vorweg: (((( ))))

    Stillen. Tragen. Familienbett. BLAH BLAH BLAH.
    Ja, stimmt, all diese Dinge sind wunderbar bindungsstärkend. Aber ihre Abstinenz bedeutet nicht - nie! - im Umkehrschluss, dass Kinder schlecht gebunden sind. Oder gar bindungsgestört werden. Mo von 2kindchaos erklärte mir erst kürzlich, das sei nämlich logischer Schwachsinn ;-) Und ich sag dir mal kurz warum:

    Du kannst stillen und es ekelhaft finden, dich verkrampfen und es nie genießen. Dann stillst du - ja, toll. Deinem Kind wirst du aber deine Ablehnung nicht verheimlichen können.

    Du kannst tragen, dein Kind aber dabei nie ansehen, nie wahrnehmen. Und dann? Tja, dann wird dein Kind halt getragen, mehr aber auch nicht.

    Du kannst aber vor allem deine Kinder mal aus Überforderung und Müdigkeit anschreien und es so wahnsinnig bereuen, dass du seitenweise blogtexte verfasst, weil nämlich eine Sache da ist: ehrliche Liebe, Respekt und aufrichtige Anteilnahme an der Gefühlswelt deines Kindes.

    Jetzt stelle dir vor, du könntest dein Kind fragen "Was hättest du lieber: eine Mama, die dich tief und innig liebt, dich sieht, dich wahrnimmt aber nicht frei von Fehlern ist, oder möchtest du lieber getragen werden?" Es würde antworten: "ich will Mama". Immer.

    Glaube mir, unsere heutige Gesellschaft hat diese Sorgen und katastrophalen sozialen Lücken nicht, weil unsere Mütter uns so selten getragen oder deren Mütter wiederum sie so kurz oder gar nicht gestillt haben. Es ist viel wahrscheinlicher, dass wir in einer kaputten Welt leben, weil Menschen in den Jahrzehnten vor uns der Meinung waren, dass Schreien lassen eben okay ist und Lungen stärkt und Kinder keine Aufmerksamkeit verdienen, weil sie nämlich gehorsam und gefügig sein müssen und bloß um Himmels Willen auf keinen Fall emotional.
    Und damit will ich sagen: diese gepriesenen Allheilmittel (Stillen, Tragen, Familienbett) nutzen dir nichts, wenn du nicht die innere Haltung hast, die deinem Kind signalisiert, dass es ANGENOMMEN ist. Und andersrum: wenn du diese innere Überzeugung hast, dein Kind gut findest wie es ist und dir deine eigenen Fehler verzeihst, dann kannst du auf all das auch getrost verzichten - und trotzdem eine wundervolle Bindung aufbauen.

    Vielleicht ist dein Kind ja auch einfach total sicher, dass du wieder zurück kommen wirst und weint deswegen so wenig, wenn du gehst? Vielleicht sind Papas Gesichtszüge einfach lustiger? Vielleicht liebt es dich, so tief und innig, dass es diese Tragerei und das drumrum gar nicht braucht, um sich deiner Liebe sicher zu sein?

    Ich zitiere mich selbst, aus einem alten Artikel von mir: "Stillen ist wundervoll, gibt deinem Kind ein unvergleichliches Gefühl der Geborgenheit, ist praktisch und gesund – eben die beste Nahrung. That’s it. Dass dein Kind seinen Schulabschluss schafft oder dich noch ein paar mal im Monat besucht wenn es erwachsen ist, das garantiert es dir nicht. Dafür musst du als Mutter sorgen." Und damit will ich sagen: DU BIST, WAS DEIN KIND BRAUCHT. Du. Und deine Persönlichkeit, deine Wärme, deine Stärke, deine Liebe, dein Herz. All das hinter diesem Du. Hinter deiner Mutterschaft.

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  3. Und der 2. Teil:

    Attachment Parenting ist für mich nicht - und war es auch nie - eine Aneinanderreihung gewisser Methoden. Sondern viel mehr der Umgang mit dem Kind und mit all diesen schwierigen Situationen, die uns im Leben mit unseren Kindern begegnen. Wie ich meinem Kind begegne. Es sehen. Seine Bedürfnisse wahrnehmen und so gut es geht (und das ist wichtig!!) zu erfüllen. Und auch: gut für sich selbst zu sorgen, um meinem Kind stets vorzumachen, dass Selbstfürsorge auch was mit Integrität zu tun hat, die es schließlich immer zu wahren gilt!

    Ich hoffe du liest das, seufzt, atmest dann tief durch und streichelst deinem Kind den Kopf. Und du verstehst, dass du nichts kaputt gemacht hast. Nichts. Ganz im Gegenteil!

    Und wenn ich dich bis hierhin nicht überzeugen konnte, dass Bindung so viel mehr als Stillen, Tragen, Familienbett, nie schreien und immer alles lächelnd beantworten ist, dann machen wir es weniger kompliziert: erstens geht so schnell nichts kaputt - das haben wir ja jetzt festgestellt. Und zweitens (und spätestens das sollte dich trösten): wenn DOCH, dann hast du ganz.viel.Zeit.und.Möglichkeit um es besser zu machen. Zu jeder Zeit.

    "Früherkennung ist die Mutter aller Präventionsmaßnahmen", sagt Stefanie Stahl. Und die Schätze ich sehr.
    Also, sei stolz, dass du reflektiert und klug genug bist, deine Tage zu supervidieren und dich verbessern zu wollen. Und dann lehn dich zurück und sei noch ein bisschen stolzer, eine Mutter zu sein, die Bindung aufbauen kann, ohne sich an strikte Vorgaben halten zu müssen :-)

    So, und abschließend verrate ich dir, wieso das so lang geworden ist und wieso es mir anfangs so schwer fiel: im ersten Lebensjahr meines Bubbas war ich du. Ich las deinen Text und fühlte es alles so nach. Und weißt du - ich hab gestillt. Und getragen. Und nie geschrien (nur heulend auf dem Badezimmerboden gesessen). Und mit allen im Familienbett geschlafen. Und unsere Bindung war zeitweise zum kotzen. Oder gar nicht da. Oh, ich kann alles so sehr fühlen.
    Und ich kann dir sagen: ich hab die Kurve gekriegt. Gedanklich. Denn nur daran hapert es meistens.

    Ich wünsche euch so sehr von Herzen alles Gute und ich glaube ganz fest an euch.

    Und du weißt, wo du mich findest, wenn du nochmal Mut zugesprochen brauchst.

    Ich drücke dich.
    Kathrin

    P.S.: bist du Hochsensibel?

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